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welten:honk:historie:eine_nacht_bei_den_weissen_frauen [27.11.2016 00:24] (aktuell)
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 +====== Eine Nacht bei den weißen Frauen ======
 +Cloé wartete. Sie saß seit einer Stunde hinter dieser geschnitzten Tür und musste überhaupt nichts tun. Das war eine große Abwechslung zum Rest der Nacht und sie wusste nicht, ob sie sich über die kleine Pause freuen oder lieber einfach langweilen sollte. Dabei hatte die Nacht so tubulent angefangen.
  
 +Da sie schon weit gereist war, hatte ihr der Marsch über 50km, den sie über den Tag absolviert hatte nicht allzuviel ausgemacht. Sie war mit Korat gereist, einem weisen alten Orrd und möglicherweise auch Seher - bei Korat konnte man sich nie sicher sein - und hatte sich mit dem steinernen Freund gut unterhalten. Eigentlich war sie mit einer ganzen Gruppe unterwegs, diese hatte sie aber mit Korat zum Orakel vorgeschickt,​ weil man von ihr verlangte Informationen über Riesenwürmer zu besorgen. Delrin, der beste Handwerker der Gruppe hatte mit der Haut eines Riesenwurms etwas größeres vor. Das ist allerdings eine andere Geschichte.
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 +Im Orakel angekommen war sie direkt in ihr Zimmer gegangen und hatte die schneeweiße Novizinnenrobe angezogen, um die weißen Frauen zu besuchen. Sie sollten ja eigentlich etwas zu so großen Tieren in der Region wissen und sie mochten es nicht, wenn man sich nicht seinem Rang entsprechend kleidete. Cloé wollte es zumindest auf keinen Versuch ankommen lassen. Mit der Robe ging sie direkt in den Wohnturm westlich des Haupthauses und traf dort zu ihrer großen freude Waris. Waris war eine Freundin, die seit Lapis mit ihnen gereist war. Sie hatte ihr von den weißen Frauen erzählt. Sie war selbst eine Novizin, sollte aber noch vor dem nächsten Mittag das Ritual der zweiten Geburt erfahren. Dadurch würde sie zu einer weißen Frau werden und könnte damit Cloés Ausbildung weiterführen,​ ohne dass Cloé damit ihre Gruppe verlassen müsste. All das hatte sich in den letzten Tagen wie ein unsichtbares Puzzle zusammengefügt und Cloé war sich nicht sicher gewesen, was diese eigenartigen Zufälle alle zu bedeuten hätten.
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 +Waris hatte ihr den Tipp gegeben zunächst mit Korat nach den Texten zu sehen und erst später in den Turm zu kommen, da sie einmal von den Ältesten entdeckt bestimmt so schnell nicht mehr hätte gehen dürfen. Dies sollte sich als ein sehr freundschaftlicher Ratschlag herausstellen,​ der Cloé noch einige entspannende Stunden mit Korat in der Bibliothek des angrenzenden Klosters sichern sollte.
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 +Die entspannte Zeit endete Abrupt, als Algarth, einer von Cloés Mitreisenden,​ mit einem Verwundeten ins Kloster stürmte und nach Korat rief. Er hatte im Bau der Spinne einen bewusstlosen und offensichtlich verwundeten Halbling gefunden, den Korat verarzten sollte. Das Getöse weckte einen der Seraphim im Kloster, der aufgebracht Cloé anfahren musste, was denn das Getöse in der Nacht solle. Allein der Notfall brachte ihn dazu sich zu beruhigen und so kam Cloé gerade rechtzeitig,​ um Korat das Gegengift überreichen zu können, das sie bereits vor Tagen von den weißen Frauen erhalten hatte. Das Flächlein brachte sie jedoch dazu über ihre anstehenden Aufgaben nachzudenken und so beobachtete sie nicht mehr, wie Korat sich um den angeschlagenen Halbling kümmerte und ging stattdessen zum Wohnturm um die eigentlichen Aufgaben der Nacht zu meistern.
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 +Als Cloé zum zweiten Mal, wieder so leise wie vorher, die gespenstigen Flure des Wohnturms betrat, wurde sie weniger angenehm empfangen als zu Beginn der Nacht. Sie hatte gerade die Tür vorsichtig hinter sich geschlossen und wähnte sich allein, als Margath vor ihr stand. Margath war ein Mitglied des Ältestenrats und schon ihr Blick war stets streng und unbarmherzig.
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 +"Was schleichst du hier mitten in der Nacht herum?"​
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 +Cloé war sicher Margaths Blick hätte die Steine in der Wand zum schmelzen gebracht, hätte sie nicht zwischendrin gestanden.
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 +"Ich, äh, bin hier um meine Aus..."​
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 +"Ich konnte sehen, wie sich die Ausrede in deinen Augen geformt hat, noch bevor du deinen schmutzigen Mund aufgemacht hast! Ich wußte, dass es ein Fehler wäre ein aufmüpfiges Ding wie dich von der Ausbildung hier freizustellen."​
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 +"Ich wollte mich doch..."​
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 +"​Schweig! Noch ist es nicht zu spät. Ich habe noch eine Nacht zeit, um dir zu zeigen was eine Novizin ist!"
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 +"​Versteht mich doch..."​
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 +"Hast du verstanden, was ich von dir erwarte?"​
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 +"​Bisher war es etwas ungenau..."​
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 +Margath baute sich zu voller Größe auf und war damit etwas größer als Cloé und strahlte etwas unwillkürlich furchteinflößendes aus. Cloé traute sich nicht mehr zu widersprechen,​ egal was dies für sie dann bedeuten würde.
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 +"Hast du verstanden, was ich von dir erwarte?"​
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 +"​Ja."​
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 +Cloé senkte den Kopf und ergab sich widerwillig aber machtlos in ihr Schicksal.
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 +"Ich werde auf der Turmspitze ein Bad nehmen. Im Kller findest du eine Quelle mit warmem Wasser und einen Eimer. Ich erwarte von dir, dass mein Bad voll ist, wenn ich nach oben komme."​
 +
 +"​Ja."​
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 +Cloé biß sich auf die Unterlippe. Was hatte sie in diese Lage gebracht? War sie nicht eine völlig freie und ungebundene Frau gewesen? Warum konnte sie unter dem Blick dieser Alten nichts mehr tun, als ihr zu entsprechen?​ In dem inzwischen wieder leeren Flur gab es jedoch keine Antworten und so bechloß Cloé, dass zumindest die Antworten auf diese Fragen ein wenig Treppensteigen wert wären.
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 +Cloé fand schnell die Treppe zum Keller begann den Abstieg auf den durch nur wenige Laternen schwach beleuchteten Stufen. Wie viele Novizinnen mögen diese Stufen vor ihr gegangen sein? War es das wert? Doch andererseits schienen diese Frauen großes Wissen und was viel reizvoller war große Macht zu besitzen. Sie schienen keinen Wert auf die Herkunft, auf die Hautfarbe oder die Rasse zu legen. Sie schienen frei zu sein von all diesen Herrschaftsstrukturen,​ die Cloé in ihrer Heimat immer gehasst hatte.
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 +Am Fuß der Treppe befand sich ein großer quadratischer Raum, der von einem Gewölbe überspannt wurde. An der hinteren Wand befand sich eine alte Eichentür mit schweren Metallbeschlägen und in der Mitte des Raums ein quadratisches Becken mit Wasser, das aufgrund der schwachen Beleuchtung schwarz aussah. Um das Becken zog sich ein Rand von zirka einem Schritt breite auf dem nahe der Treppe ein großer hölzerner Wassereimer stand. Cloé nickte zu sich selbst, nahm den Eimer und tauchte ihn ins Wasser. Es war tatsächlich angenehm warm. Der volle Eimer war jedoch unangenehm schwer und Cloé konnte ihn nur mit einem beherzten Ruck bis zu Schulter anheben, um das Seil, das den Henkel ersetzte über die Schulter zu ziehen. Der Aufstieg über die Treppen war mörderisch. Schon nach zwei Stockwerken schwitzte Cloé unter der grob gewebten Novizinnenrobe und das Halteseil schnitt sich unangenehm in die Schulter. Nach zwei weiteren Stockwerken erreichte sie endlich das Dach, um dort festzustellen,​ dass der ihalt des Eimers in dem großen Bottich kaum auffiel. Sie würde zwanzig oder dreißigmal laufen müssen um den Bottich zu füllen. Cloé verliß der Mut und sie war fest entschlossen sich unter dem Eindruck dieser sinnlosen Strapazen still und heimlich davonzustehlen. Mochten die weißen Frauen doch geheimnisvoll und mächtig sein: das war es nicht wert. 
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 +Cloé erreichte das Ende der Treppe und stellte den Eimer auf die erste Stufe zur Kellertreppe. Sie tat es leise, denn Lärm zu vermeiden war die erste Regel des Diebs der nie gefasst wurde, und sie stellte ihn seitlich hinter die ecke, wo er nicht so schnell entdeckt werden würde. Nicht entdeckt zu werden war die zweite Regel. Die dritte war: was immer du vor hast, tue es schnell und als wäre es normal. Sie richtete sich auf und schaute in ein unbermherziges zerfurchtes Gesicht. Erschreckt zuckte sie zurück. Wo war Margath so plötzlich und leise hergekommen?​
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 +"​Wusste ich doch, dass du weder Ehrgefühl noch Rückgrat besitzt! Sich nach einem einzigen getragenen Eimer davonschleichen zu wollen zeugt auch noch von Dummheit. Du wirst nun merken was es bedeutet, meine Anweisungen nicht haarklein auszuführen. Umdrehen!"​
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 +Wieder hatte Margath den Blick, dem Cloé nicht widerstehen konnte. Also folgte sie ungläubig über die eigene Situation der Anweisung.
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 +"Zieh die Schuhe aus!"
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 +Wie konnte Cloé nur entgehen, dass sich die alte Hexe näherte? Sie fühlte sich wie ein Kind, das noch nicht gelernt hat sich in seiner Welt zurchtzufinden. Wie automatisch zog sie die Schuhe aus, während ihre Gedanken rasten.
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 +"Zeig mir deine linke Fußsohle!"​
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 +Cloé hob den linken Fuß an und zuckte zusammen, als ein scharfer Schlag mit einem dünnen Stock ihr die Haut auf Ferse und Ballen aufplatzen ließ. Zornig drehte sie sich zu ihrer Peinigerin, doch deren Blick brachte sie nicht nur zur Ruhe, sondern auch zu der Erkenntnis, dass jede Gegenwehr zwecklos wäre. Diese alte Frau schien sie für diese Nacht völlig unter Kontrolle zu haben und es blieb Cloé kein Ausweg als jeden Befehl der Alten akribisch auszuführen. Deren letzter Befehl war nur ein Blick, der Cloé auch den rechten Fuß heben ließ, welcher wie der andere auch mit einem einzigen Schlag verletzt wurde.
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 +Aufs Tiefste gedemütigt nahm Cloé unter den Blicken der weißen Frau den Eimer wieder zur Hand und begann die Kellertreppe hinabzusteigen,​ auf deren Stufen sie blutige Fußabdrücke hinterließ. Beim Hochtragen der zweiten Füllung war die Alte verschwunden und sie tauschte in den zwei Stunden die Cloé brauchte, um den Bottich zu füllen nicht wieder auf. Ihre Füße hörten bald auf zu bluten und die Geräusche im Turm ließen sie vermuten, dass niemand mehr im Turm überhaupt noch wach wäre. Dennoch konnte sie sich zu keinem weiteren Fluchtversuch mehr hinreißen.
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 +Als Cloé den letzten Eimer zum Bottich trug, das Halteseil hatte bereits eine furche in ihre Schulter geschnitten,​ stand sie pünktlich wieder vor ihr. Wie Margath das machte: immer zur richtigen Zeit vor Ort zu sein, wusste sie nicht. Aber es überraschte sie auch nicht die alte Frau in diesem Moment wieder vor sich zu sehen.
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 +"Das hast du gut gemacht, mein Kind."
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 +Cloé war überrascht über die milden Worte.
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 +"Da du viel tragen musstest, sollst du für deine Mühe auch entlohnt werden. Der Bottich ist groß genug und deine Füße werden ein warmes Bad zu schätzen wissen. Bade mir mir, wir unterhalten uns."
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 +Cloé konnte sich etwas schöneres vorstellen, als mit der Frau, die sie vor kurzen erst geschlagen hatte, ein Bad zu nehmen. Doch nach zwei Stunden der Strpaze mit schmerzenden Füßen kamen ihr auch Ideen was schlimmer wäre. Also zog sie ihre Novizinnenrobe über den Kopf und ließ sich neben der alten Frau in den Bottich sinken. Das Wasser war nicht mehr so warm wie im Keller, aber noch warm genug, um die beiden Frauen vor dem frischen Bergwind zu schützen, der um die Turmspitze pfeifte. Kronos'​ Schatten begann sich vor die hell leuchtende Scheibe von Rheia zu schieben. In wenigen Minuten würde absolute Dunkelheit herrschen.
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 +"Ich habe Jahrzehnte von Novizinnen gesehen. Im Grunde gibt es zwei Gruppen: die eine Gruppe will wie du im ersten Moment, beim ersten Hindernis flüchten und zurück in die kleine sichere Welt aus der sie kamen. Sie sind direkt und lieben das naheliegende. Euch muss man über die erste Hürde schieben und fast immer findet ihr eueren Platz. Das ist die Perpektive wie der Frosch die Welt sieht: deine Heimat ist der Teich und die Welt darum ist groß und feindlich. Die zweite Gruppe ist weit gefährlicher:​ Sie kommen hier her, weil sie wissen welche Macht von diesem Ort ausgeht. Sie sind keine Frösche, die zu Falkn werden, sie sind Geier und wollen das bleiben. Aber wir wollen hier keine Geier. Deshalb muss jede Novizin der ich begegne eine Prüfung bestehen, wie du es getan hast. Verstehst du das?"
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 +"Ja ich verstehe."​
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 +"Sag `Ja ich verstehe, Suná´. Das wird dein Titel sein, solltest du es mal zu einer richtigen weißen Frau schaffen: Suná. Das Wort kommt aus der Sprache der Temalkin, der Stämme im Westen und bedeutet `Die die Götter um Rat gefragt hat´. Wir verwenden den Begriff nur im Geheimen, seit die Seraphim dieses Land unterworfen haben. Manche von ihnen würden uns Töten, weil wir mit anderen Göttern reden als ihrem einen. Woran glaubst du, Novizin?"​
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 +"Ich glaube an mich selbst, Suná"
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 +"Du bist schlau. Das ist gut. Warum glaubst du sind wir hier?"
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 +"Damit ich unterwiesen werde, wo mein Platz ist, Suná."​
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 +"Nein. Du siehst das Licht Rheias, das von dem großen Schatten überdeckt wird? So sind die Zeiten, in denen wir leben. Wir stehen vor einem Punkt in der Geschichte der Welt an dem große Dunkelheit über uns kommt. Wir Sunae sehen den Schatten schon seit langem über uns kommen. Uralte Prophezeihungen sagen es voraus: Die Welt wie wir sie kennen wird bald nicht mehr existieren. Wir wissen, dass es einige wenige sein werden, die die Zerstörung über die Welt bringen werden. Die Prophezeihungen sind darin eindeutig. Ling glaubt, dass du und deine Mitreisenden zu diesen wenigen gehören werden."​
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 +"Nein, Suná! Ihre Ziele sind unterschiedlich,​ aber die Welt zerstören will keiner von ihnen."​
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 +"Wenn der Lauf der Welt ein Fluss ist, ist jeder nur ein Boot. Du kannst gegen oder mit dem Strom rudern, aber du wirst den Lauf des Flusses nicht ändern können. Manchmal muss ein Wald vernichtet werden, damit eine Wiese entstehen kann."
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 +"Aber was ist, wenn der Fluss über die Ufer tritt?"​
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 +"Dann kannst du die Richtung in die du fährst frei wählen. - Wir brechen mit den Traditionen,​ indem wir dich ausbilden. Nie zuvor wurde eine Novizinnenausbildung auf nur eine Nacht verkürzt. Nie zuvor hat ein Mädchen ohne Stamm die Möglichkeit für eine solche Ausbildung erhalten. Nie zuvor wurde eine Suná beauftragt mit einer Novizin zu reisen um diese allein zu lehren. Du bist `Seji Keval´, die Bruderlose."​
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 +"Was wird das für mich bedeuten?"​
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 +"Wir Sunae stehen für eine Welt in der die Stämme ihre Probleme friedlich beilegen. Wir nutzen die uns vorliegenden Informationen,​ sammeln sie und schließen daraus, was für alle das Beste sein wird. Wir sind keine Häuptlinge,​ denn die Häuptlinge hören auf uns. Eine Suná zu sein, bedeutet weiter zu blicken, als alle Männer um dich. Du kämpfst mit Waffen aus Fleisch und Blut, die denken selbst handeln und entscheiden zu können, aber du bist da und lenkst sie mit unsichtbaren Spinnenfäden. Jeder Stamm hat seine Sunae. Aber du, die du keinen Stamm hast, hast die ganze Welt die du überblicken musst. Viele Sunae glauben an dich. Enttäusche sie nicht!"​
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 +Cloé musste in dieser Nacht noch Töpfe schrubben, Feuerholz tragen und bekam rote Stzriemen auf dem Hintern, weil sie einen Erkältungstrank falsch gemischt hatte. Unter normalen Bedingungen hätte sie dies als erniedrigend und falsch empfunden, doch nicht in dieser Nacht. Trotz der Erschöpfung und der Schmerzen, hatte sie einen Grund all dies zu tun.
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 +Letztendlich hatte sie dieser Grund hinter die geschnitzte Tür gebracht. Diese wurde aufgemacht und Cloé, die vor Erschöpfung eingeschlafen war, plumpste nach vorn und traf mit dem Gesicht den polierten Steinboden. Das weckte sie und ließ sie aufschrecken. Draußen waren die Sonnen bereits aufgegangen.
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 +"Genug für heute, Seji Keval. Geh schlafen, damit du siehst wie deine Suná geboren wird."
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 +--ENDE--
 
 
 
     
 
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