Die Klauen des Winters

Es war spät im Jahr. Der erste Frost lag schon mehrere Wochen zurück und in den letzten Wochen war eine beachtliche Menge an Schnee gefallen. Jan verbrachte den größten Teil des Tages zuhause in der Stube von der er nur flüchten musste, wenn er merkte, dass seine Mutter wieder einen Anschlag auf ihn vor hatte, damit er ihr im Haushalt zur Hilfe ginge. Jan hasste es den Ofen auszufegen oder Teig zu kneten. Aber mit seiner Mutter ließ sich über solche Dinge nicht diskutieren.

Er saß also mal wieder unter dem Vordach hinterm Haus, wo sie im Herbst einige Steer Feuerholz aufgeschichtet hatten, die aber noch nicht trocken genug waren um sie zu verbrennen. Er hatte sein langes Gürtelmesser in den letzten Tagen gut angeschärft und schnitzte an einem knorrigen Ast herum ohne genau zu wissen, was es genau werden sollte. Sein Vater war vor einigen Stunden hinaus zu den Schafen gegangen, um ihnen etwas Futter auszulegen, da sie unter dem Schnee kaum essbares mehr fanden. Jans Familie hatte sich darauf spezialisiert für die anderen Schäfer im Sommer die Schafe zu scheren, weshalb ihre eigene Herde recht klein war. Im Winter konnte man mit den Schafen ohnehin nicht weit ziehen und so hatte es in den letzten Wochen nicht viel zu tun gegeben. Jan wunderte es trotzdem, dass der Vater ihn nicht auf die Weide mitgenommen hatte, schließlich hatte er die ganze letzte Woche immer mal wieder für eine oder zwei Stunden mit gemusst. Jan freute das. Er war eigentlich nicht faul, aber er sah nichts schlechtes darin sich nicht vor zu drängen, wenn es doch andere gab, die eine Arbeit besser als er ausführen konnten. Er träumte lieber von wilden Abenteuern, die er mal erleben würde, sobald er das Haus zu einer Reise verlassen konnte, ohne dass seine Mutter ihn mit dem Nudelholz zurück zitierte. Das war erst einmal vor gekommen und im Dorf redete man immer noch davon. Jan war es sehr peinlich und er hatte geschworen vergleichbares nur noch an Tagen zu versuchen, an denen seine Mutter nicht backte.

Plötzlich schreckte er aus seinen Gedanken auf. Er hatte ein Geräusch gehört. Es drangen immer wieder Geräusche aus dem Dorf bis zum Haus der Scherers herauf. Wenn geschlachtet wurde oder wenn Wuuli Schmidt mal wieder seinen Aboss verdrosch oder bei Dorffesten. Aber dieses Geräusch war anders. Es kam zwar fast aus der gleichen Richtung, hörte sich aber viel mehr nach einem Heulen an. Ein Hund konnte es nicht gewesen sein, die Schmidts hatten einige Hunde und Jan kannte alle Geräusche die sie machen konnten. Es konnte doch wohl kein Wolf sein, der sich so nah ans Dorf gewagt hatte? Jan war neugierig. Wölfe waren gefährlich, aber er war auch kein kleiner Junge mehr und sein Messer war zwei Finger länger als die meisten Gürtelmesser in Honkheim. Er beschloss der Sache nach zu gehen und verschwand im Haus.

Als er wieder heraus kam, war er erfolgreich seiner Mutter entgangen, die gerade in der Kammer war um Mehl zu holen und packte sich fest in seinen Umhang ein. Schnell hatte er den schmalen gefrorenen Pfad hinter sich gelassen, den das Haus seines Vaters vom Rest des Dorfes trennte und hatte durch Wagners Gemüsegarten abgekürzt um nach wenigen Augenblicken das nordöstliche Ende von Honkheim zu erreichen. Auf der Straße hatten sich einige Männer versammelt und schwatzten leise. Es hatte schon leicht angefangen zu dämmern und obwohl es noch eine weile hell sein würde, hatten einiger der Männer brennende Fackeln dabei. Jan stellte sich dazu, um heraus zu finden, ob die Männer das gleiche gehört hatten.

„Na, Junge? Bist wohl her gekommen weil du auch mal einen ausgehungerten Wolf sehen wolltest, häh?“ Jan mochte den alten Wutzmann nicht. Er hatte an allem etwas aus zu setzen und fühlte sich immer wichtig obwohl er nie ein Amt gehabt hatte. Ausserdem kam er aus Unterhonkheim und die Leute dort waren sowieso alle etwas Arrogant, weil sie behaupteten, in ihrer Hälfte des Dorfes würden mehr Geschäfte getätigt werden. Jan schaute den alten an:„ Wölfe, wirklich?“ „Klar. Im Wald gibts für die nicht mehr viel zu holen und da kommen sie raus und wollen unser Vieh reißen. Bleib schön hier hinten, Junge, mit den Viechern ist nicht zu spaßen.“ Jan lächte den Alten kurz an und drehte sich wieder dem Wald zu. Es gab hier Wölfe und er stand nur noch wenige Schritte von einem richtigen Abenteuer weg.

Die Männer unterhielten sich weiter über die Wölfe, als das Heulen erneut zu hören war. Diesmal war es deutlich erkennbar und Jan konnte die Richtung einschätzen aus der es kam. Er drehte sich zum gehen um und marschierte Richtung Ortskern los, bog jedoch hinter dem nächsten Geräteschuppen links ein und umrundete diesen. Auf der anderen Seite waren einige Hecken, die ihm Deckung boten und so konnte er sich von den Männern unbemerkt in Bewegung setzen. Er schlich geduckt eine Weile durch den kietiefen Schnee stets mit gleichem Abstand zu dem Ort wo er den Wolf vermutete und das Heulen gehört hatte. Er kam durch den Schnee nur langsam voran und beschloss links einzubiegen, auf den Wolf zu, solange er noch einen kleinen Rest Sonnenlicht zur Verfügung hatte. Seine Augen hatten sich noch nicht richtig an die Dunkelheit gewöhnt, weshalb er den Wolf fast nicht gesehen hätte, als er vorwärts schlich. Er blieb stehen und betrachtete seinen Gegner.

Der Wolf war hager und kaum größer als ein Schäferhund. Sein Fell war Grau, hatte jedoch auf dem Rücken einen weißen kamm. Die größte Wirkung hatten jedoch die kalten blauen Augen, mit denen der Wolf zum Dorf sah. Jan erkannte sie als die Augen eines Tieres, das es gewöhnt war zu töten. Die Augen einer Bestie, die im Begriff war nach Honkheim zu stürmen und eine Spur des Blutes zu hinterlassen. Der Wolf näherte sich dem Dorf nur langsam und drehte sich häufig seitwärts um den Fackelschein, den man in der Ferne sehen konnte ein Stück zu umrunden. Jan hatte sich seinen Plan schnell zurecht gelegt. Er legte sich flach in den Schnee und begann langsam und behutsam vorwärts zu kriechen, immer auf die Stelle zu, wo er wüsste, dass der Wolf gleich seine Richtung wieder ändern würde und er ihn überraschen könnte.

Jan schlich unbemerkt vorwärts und als die Bestie sich schließlich nur zwei Schritte vor ihm wieder umdrehte, sprang er auf und stürzte sich auf sie. Der erste Schritt war schnell gemacht, doch dann bemerkte ihn der Wolf und drehte sich mit geflätschten Zähnen in seine Richtung. Jan schloss das Messer fest in seine Faust und stach nach der Kehle des Tiers, weil ein gekonnter Schnitt dort die Bestie bestimmt töten würde. Als er sich im vorwärts stürzen auf den tödlichen Stoß konzentrierte, verlor sein rechter Fuß den Halt und er begann zu rutschen. Er begann zu fallen und sein Messer traf die Kehle des Wolfs kaum, sodass nur ein kleiner Faden Blut an der Messrspitze klebte, als er im Schnee aufschlug. Jan sprang natürlich sofort wieder auf, der Wolf hatte seine Überraschung jedoch auch schon überwunden, gedreht und zu einem Sprung angesetzt. Unfähig zu handeln traf das Aufgerissene Maul des Wolfs seinen Hals und der Kiefer schloss sich. Die Wucht des Aufpralls warf ihn rückwärts um und Jan spürte, wie ein steter Strom seines Lebenssaftes an seinem Hals entlang floss und in den unberührten Schnee tropfte. In Todesangst stach Jan zu. Er versenkte sein Messer wieder und wieder in Hals und Brust des Wolfs, während dieser seinen eigenen Hals durch stetiges hin und her winden traktierte, was die spitzen Zähne des Tiers immer tiefer ins Fleisch schnitten. Jan hatte jeglichen Kontakt zur Welt verloren. Alles schien langsamer abzulaufen und er war kaum fähig sich zu bewegen. Endlos kam ihm der Kampf vor, bei dem der Wolf doch längst schon hätte tödlich getroffen worden sein müssen. Er hörte Schritte näher kommen, einen dumpfen Aufschlag, wie etwas schweren neben ihn in den Schnee fiel. Der Wolf war langsamer geworden und endlich nach einer scheinbaren Ewigkeit hörte er auf sich zu bewegen und seine Zähne in Jans Hals zu bohren. Warum hatte derjenige, der da gekommen war ihm nicht geholfen? Und warum kommte er nichts mehr sehen? Jan wurde plötzlich klar, wie schwach er war und wie schrecklich sich sein Hals anfühlte. Er wollte schreien vor Schmerzen, dorch er bekam keinen Laut mehr heraus. „Um Gottes Willen! Der Junge! Bringt ihn zu Martha!“ Und Jan verlor das Bewusstsein.

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welten/honk/historie/die_klauen_des_winters.txt · Zuletzt geändert: 27.11.2016 00:24 (Externe Bearbeitung)